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Kapitel 1 (a)

Freie Software - Eine Einführung

Dieses einführende Kapitel soll dem Leser ein grundsätzliches Verständnis für freie Software vermitteln. Dazu dient der folgende Abschnitt "Was ist freie Software?", ein historischer Abriß und ein Vergleich von freier Software mit anderen Softwarevarianten. Danach wird der mögliche Lebenszyklus einer freien Software genauer beleuchtet, ihre Eigenschaften erläutert und abschließend auf die Einsatzgebiete freier Software eingegangen.

1.1 Was ist freie Software?

Freie Software ist ein Phänomen, das in einer Welt, die durch Kapitalismus, Kommerz und Konsum geprägt ist, eigentlich gar nicht hätte entstehen können, denn es bricht sämtliche Regeln des profitorientierten Unternehmertums in der heutigen Wirtschaft.

Was ist aber freie Software? Die unmittelbare Assoziierung von frei mit kostenlos ist zwar nicht falsch, deckt aber nur einen kleinen Teil dessen ab, was freie Software meint. Die falsche Verwendung des Begriffs "freie Software" führte in der Vergangenheit nicht selten zu großen Mißverständnissen.

Um eine bestimmte Sache zu beschreiben, ist es manchmal hilfreich, Merkmale ihres Gegenstücks zu analysieren: die proprietäre Software. Proprietäre Software ist ein Produkt, das in einem Unternehmen entwickelt wird, um einen möglichst großen Gewinn zu erzielen. Dieser besteht zum einen im Verkauf der Software in seiner binären - also direkt nutzbaren - Form, zum anderen in der Wartung und der Pflege. Mit dem Erhalt und der Bezahlung der Software erklärt sich der Kunde bereit, Bedingungen, die die Nutzung der Software betreffen, einzuhalten. Solche Lizenzbedingungen enthalten in der Regel ein Verbot des Kopierens, Veränderns und Weiterverbreitens.

Freie Software hingegen hebt ausdrücklich diese Verbote auf. Sie kann (und soll) nicht nur kopiert, sondern auch verändert, ergänzt und in veränderter Form neu veröffentlicht, verbreitet oder sogar verkauft werden. Das Ändern von Software setzt das Vorhandensein des menschenlesbaren Programmtexts voraus. In diesem sogenannten Quelltext, auch Quellcode oder Sourcecode genannt, kodiert der Entwickler strukturiert mit Hilfe einer Programmiersprache die Funktionen seines Programms.

Während in Softwareunternehmen der Quelltext von Programmen zu den am besten gehüteten Geheimnissen zählt, ist er bei freier Software sozusagen öffentliches Gut. Er ist in der Regel zusammen mit den binären Dateien im Internet oder durch andere Medien öffentlich zugänglich. So kann jedermann das Programm lesen, verstehen und nach seinen eigenen Wünschen anpassen.

Die meiste freie Software wird in einer international zusammengesetzten Gruppe entwickelt, die über das Internet kommuniziert und sich selber oder von einer Organisation koordiniert wird. Entwickler, Organisatoren und Benutzer der Software ergeben zusammen eine Gemeinde. So gibt es beispielsweise eine Linux-, Perl- und Apache-Gemeinde.

Viele Programmierer arbeiten in ihrer Freizeit unentgeltlich an freier Software. Der Gegenwert ihrer Arbeit besteht nicht aus einem Gehalt, sondern aus der Anerkennung anderer, dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft oder ganz einfach aus Spaß und Freude an der Softwareentwicklung. Größere Projekte werden von Firmen gesponsort, die ein allgemeines Interesse an der Entwicklung und Verbreitung von freier Software haben.

Die Freiheit eines jeden, Software zu nutzen, zu modifizieren und weiterzuverteilen ist Teil eines evolutionären Prozesses, der nicht nur ausschließlich technische Vorzüge wie Stabilität, Flexibilität, Integration, in einem Wort: Qualität birgt. Ebenso ist mit ihr ein politischer, gesellschaftlicher und philosophischer Gedanke verknüpft, der in vielen Fällen den motivierenden Antrieb jener darstellt, die sich mit freier Software auseinandersetzen.

Dem universitären, akademischen Ursprung entwachsen, stellt freie Software heute einen nicht zu unterschätzenden, wirtschaftlichen Faktor dar. Das Betriebssystem Linux, der Web-Server Apache, die Programmiersprache Perl weisen in den letzten Jahren außergewöhnliche Wachstumszahlen auf, die Herstellern von Konkurrenzprodukten zunehmend Kopfschmerzen bereiten. Doch statt tobender Machtkämpfe konnte man vielerorts durch Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit seitens der freien Software-Bewegung ein Näherkommen oder gar Zusammenschluß der gegnerischen Parteien beobachten. Diesem Kooperationsmodell - so die Experten und Analysten - scheint eine große Zukunft gesichert zu sein.


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