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Kapitel 1 (b)

1.2 Eine kurze Geschichte der Zeit

Wer heute als Unternehmer, Angestellter oder Privatperson einen PC besitzt, dem ist der Gebrauch von Software zum Alltag geworden. Daß mit dem Kauf restriktive Bedingungen verknüpft sind, die eine uneingeschränkte Nutzung verhindern, ist selbstverständlich und wird als Existenz- und Verdienstgrundlage der Softwarefirmen akzeptiert. Aber dieses wirtschaftliche Modell der proprietären Software hat sich erst im Laufe der Zeit etabliert.

Als in den Anfängen der Computerindustrie in den 60er Jahren die Großrechner aufkamen, war dort die Hardware das bestimmende Element. Die für den Betrieb notwendige Software war nur ein Nebenprodukt. Sie wurde entweder von den Hardwareherstellern oder von den Anwendern selbst programmiert.

Mit dem Einzug der Timesharing-Systeme entstand eine Kultur, die sich mehr der Entwicklung von Software als der von Hardware widmete. Diese Hacker-Gemeinde basierte auf einem offenen System der Gemeinschaft, Zusammenarbeit, Kollegialität und Hilfsbereitschaft. Entwickelte Software und ihr zugrundeliegender Quelltext wurde geteilt, verändert und an Freunde und Bekannte mit ähnlicher Begeisterung für Bits und Bytes weitergegeben.

Brutstätten dieser Kultur waren Hochschulen wie die Universität von Berkeley oder die Stanford Universität, Forschungsinstitute und -zentren wie das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Xerox PARC (Palo Alto Research Center) oder Organisationen der Regierung wie die Advanced Research Project Agency (ARPA).

1969 arbeiteten zwei Programmierer, Ken Thompson und Dennis Ritchie, in den Bell Laboratories von AT&T an Unix, einem neuen Betriebssystem, das nicht mehr in Maschinensprache entwickelt wurde, sondern in der Hochsprache C (ebenfalls Erfindung von Dennis Ritchie). C ermöglichte Software, die nicht an eine spezielle Hardware gebunden war. So konnte man mit relativ wenig Aufwand Unix auf andere Plattformen portieren; die ideale Voraussetzung für die aufblühende Hacker-Gemeinde.

Zudem konnte AT&T wegen eines vergangenen Kartellrechtsprozesses keinen kommerziellen Nutzen aus der Unix-Entwicklung schlagen. Sie lizensierten Unix im Quellcode zwar auch an Unternehmen, aber hauptsächlich (gegen geringe Summen) an Universitäten und andere Institutionen. Dort arbeitete man gerade an Technologien, die die Kommunikation von Rechnern untereinander gewährleisten sollte: ein Computernetzwerk, das ARPAnet, Vorläufer des Internet. Als Kommunikationsmedium war ein solches Netzwerk die perfekte Ergänzung für die Hacker-Gemeinschaft. Die grundlegenden Standards waren offen, die Software war frei. An der Universität von Berkeley vereinigte man Unix mit seinen mittlerweile berühmten Systemwerkzeugen und den Softwarekomponenten für Netzwerke zur Berkeley Software Distribution (BSD).

Im Laufe dieser Zeit hatte die Hardware bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Der Trend ging weg von übergroßen, spezialisierten Rechenmonstern hin zu kleineren Geräten, die eine Vielzahl von Aufgaben übernehmen konnten. Der Apple-Computer Ende der 70er und der IBM-PC Anfang der 80er waren Rechner für den Anwender zuhause. Sie wurden mit eigenen Betriebssystemen ausgestattet, deren Quellen geheim und deren eingeschränkte Nutzungsbedingungen von den Herstellern festgelegt wurden. Die kooperative Hacker-Gemeinde wurde also mehr oder weniger ausgeschlossen und mußte weiterhin ihre Tätigkeit auf den Unix-Sektor beschränken.

1982 und in den darauffolgenden Jahren veröffentlichten Firmen wie IBM, Hewlett-Packard und DEC kommerzielle Versionen von Unix, die auf ihre Hardwareplattformen zugeschnitten waren und eigene, proprietäre Erweiterungen enthielten. Nach einem erneuten Kartellrechtsprozeß (mit Trennung von über 20 Tochterfirmen) durfte AT&T nun als Wettbewerber im Computergeschäft auftreten. Die Folge daraus war eine radikale Erhöhung der Lizenzgebühren für Unix.

Dies war nicht nur ein schwerer Schlag für die Hacker, sondern erzeugte auch einen Riß in der weiteren Entwicklung von Unix. Einerseits das proprietäre AT&T-Unix, inklusive der anderen ihr entstammenden Derivate HP-UX (Hewlett-Packard), AIX (IBM) usw. und andererseits BSD-Unix aus dem akademischen Umfeld - kommerziell, aber frei weiterverbreitbar. Während dieser Ereignisse Mitte und Ende der 80er wuchs das Geschäft der Personalcomputer zu einer großen Industrie, die dem Wirtschaftszweig der Unix-Workstations und -Server langsam das Wasser abgrub.

Im Schatten dieser Veränderungen gründete Richard Stallman, ein vehementer Gegner proprietärer Software, die Free Software Foundation und das GNU-Projekt (siehe 3.1), die gemeinsam zum Ziel hatten, ein vollkommen freies, uneingeschränkt nutzbares und Unix-ähnliches Betriebssystem - das GNU-System - zu schaffen, das fortan die Basis einer neuen Hacker-Kultur sein sollte. 1991 schließlich konnten Softwarekomponenten des GNU-Systems zusammen mit einem ebenfalls freien Unix-Betriebssystemkern vom finnischen Studenten Linus Torvalds zu einem ganzheitlichen Betriebssystem Linux zusammengeführt werden. GNU/Linux war Gegenbewegung zur nun in voller Blüte stehenden, von proprietärer Softwareentwicklung geprägten, Computerindustrie [8]

Linux war zum Symbol für freie Software geworden und konnte auch in der Industrie große Erfolge feiern. Dort nahm man aber erst jetzt richtig wahr, daß freie Software bereits viel früher Fuß gefaßt hatte, denn nahezu alle fundamentalen Internet-Technologien beruhten darauf: Referenzimplementierung wichtiger Protokolle, E-Mail, World Wide Web, DNS; alles Dienste, die durch freie Software ermöglicht wurden. Durch kluge Marketingaktivitäten eines Teils der in neuem Aufschwung befindlichen Hacker-Kommune, konnte man mit Einführung von "Open Source" als Oberbegriff für alles, was mit freier Software zu tun hatte, ein alternatives, offenes Softwareentwicklungsmodell etablieren.


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