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Kapitel 6 (h)

6.4 Ökonomische Auswirkungen

In den letzten beiden Jahren, in denen Linux und Open Source immense Beliebtheit errangen, sind erstaunliche Dinge passiert, die genauerer Betrachtung bedürfen. Damit sind nicht die technologischen Veränderungen in der schnellebigen IT-Branche gemeint, sondern vielmehr die gesellschaftlichen und ganz besonders die ökonomischen Auswirkungen. Wirtschafts- und Gesellschaftsforscher stellen fest: Freie Software beeinflußt die Art des Wettbewerbes, die Verteilung der Marktmacht und die Ökonomie des Markts [47].

"Free markets - whether in goods or in ideas - are simply more powerful than centralized ones." - Tim O'Reilly

Ein ganz wesentlicher Punkt betrifft dabei die Kontrolle über ein Produkt. Liegt sie nicht bei einem einzigen Hersteller, sondern bei mehreren Organisationen oder direkt beim Verbraucher, also Anwender - wie es bei freier Software der Fall ist -, so verändert sich das bestehende Machtgefüge. Statt einzelner Zentren - die großen Softwarekonzerne - wird der Einfluß und die Kontrolle verteilt. Dieser Vorgang verhindert oder beugt zumindest der Bildung von Monopolen vor.

Monopolunternehmen neigen des öfteren dazu, ihre Marktmacht auszunutzen, um die eigenen Entwicklungen durchzusetzen, aufkommende Konkurrenten aus dem Geschäft zu drängen und Einfluß auf die Definition von Standards zu nehmen, die sie dann später kontrollieren können. Möchte eine junge Firma in ein Marktsegment einsteigen, das bereits von einem Monopol besetzt wird, so ist das kaum oder nur mit Hilfe des mächtigen Konzerns zu bewerkstelligen. Gerade in der Softwareindustrie liegen diese Einstiegsbarrieren sehr hoch, die auch durch Innovation und Qualität kaum überwunden werden können. Freie Software hingegen ermöglicht durch Machtverteilung und Chancengleichheit für jeden Teilnehmer mehr Wettbewerb auf Basis von guten Produkten und guten Dienstleistungen. Statt fressen und gefressen werden gewinnt mit Open Source sowohl das Unternehmen als auch der Kunde [48].

"A world in which there are no secrets is a world in which companies can't compete on the basis of secrets, but on the basis of service." - Eric Raymond

Geheimhaltung und Privatisierung von Wissen sind heute gängige Strategien und einschneidende Wettbewerbsfaktoren, die zu Ungunsten der Allgemeinheit arbeiten. Die aus Richtung der freien Software kommende Gegenbewegung ist nun Zielscheibe einiger proprietärer Softwareunternehmen, allen voran Microsoft. Die Halloween-Dokumente diskutieren explizit Vorgehensweisen, Open-Source-Software - oder vielmehr ihren Entwicklungsprozeß - zu behindern.

Daß Europa von der US-Computerindustrie dominiert wird, mag übertrieben sein, aber es ist auch kein Zufall, warum die größten freien Software-Projekte in Europa entstanden sind und auch dort als Alternative zu Microsoft-Produken am häufigsten eingesetzt werden [49]. Wozu es jedenfalls nicht kommen sollte, aber vielerorts leider schon gekommen ist, ist der stupide Grabenkampf Linux gegen Windows, der viel wertvolle Energie verschluckt, der besser in innovative Software investiert werden sollte.

Möchte die Industrie mit freier Software Geld verdienen, so sollte sie nicht nur die technischen und wirtschaftlichen Vorzüge sehen, sondern auch die ideologischen und gesellschaftlichen Aspekte beachten. Es kann niemandes Interesse sein, daß Open Source "annektiert" wird. Sowohl die Industrie als auch die freie Software-Gemeinde müssen sich irgendwo in der Mitte treffen. Bleibt die Frage wer sich dafür mehr bewegen muß.

"Es ist besonders wichtig, den Firmen klar zu machen, daß freie Software keine Bedrohung ist, sondern eine Chance." - Georg C. F. Greve, GNU

Ziel sollte sein, Geschäftskonzepte auf Basis von Qualität und Kooperation mit Hilfe offener Standards aufzubauen. Bob Young nennt es "Coopetition", als Mischung aus Cooperation und Competition. Die komplexe Evolution, die freie Software umgibt, läßt sich nur schwer vorausahnen. Sie hat bereits die Softwareindustrie stark beeinflußt, aber wird sie sie vielleicht sogar revolutionieren? Kann sie möglicherweise beim derzeit akuten IT-Fachkräftemangel helfen? Fest steht, daß Open Source ein zu großes Entwicklungspotential birgt, um einfach als Marketing-Gag abgetan zu werden.


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